Custom 3

 HANDKEDRAMA THREE 1999-2010... DRAMA TEXTS PRODUCTION PHOTOS DRAMA NEWS [1] VOYAGE BY DUGOUT/ EINBAUM LA CUISINE SPUREN/ TRACES OF THE LOST SUBDAY/ UNTERTAGBLUES LYNXEES Guest Book UNTIL THE DAY/ BIS DASS DER TAG STORM STILL: FEB 2100  [2] VOYAGE/ EINBAUM EURIPIDES/ HANDKE "HELENA"

UNTIL THE DAY / BIS DASS DER TAG EUCH SCHEIDE/ REVIEWS...A TEXT EXCERPT...

 A COLLECTION OF GERMAN REVIEWS/ I WILL WRITE A NOTE ONCE THE BOOK REACHES ME...BELOW IN YELLOW ON BLEU... A TEXT EXCERPT.AND INTERVIEW ON THE OCCASION...M.R

The play has been transated meanwhile, to be published by Seagull, distributed in the US

by Chicago University Press

 

http://www.press.uchicago.edu/presssite/metadata.epl?mode=synopsis&bookkey=10463909 

 

Peter Handke - "Bis daß der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts."

Leseprobe

"Ich kann es ertragen, übergangen zu werden", hat eine andere Frau einst einem anderen Mann bedeutet. Und dementsprechend schließe ich mich dir an in meiner zeichenlosen Nacht, stammle dunkel vor mich hin, und zugleich drängt es mich doch, mein Gestammel zu singen, den Refrain zu dem von dir gesummten Lied, vom Schatten, der an unseren Bergen herabsteigt, vom Azur des Himmels, das sich verhärtet, vom Lärm, der verebbt aus unsrer Landschaft, vom Schlaf im Frieden, der bevorsteht. 
(24; deutsche Version, 2008)

 

Moi, je te rejoins dans ma nuit insignifiante, avec quelques bribes de mots obscurs mais qui me poussent doucement à les chanter, des mots vagabonds qui répondraient peut-être à cette chanson que tu as chantonnée une fois pour moi, moi installée dans le noir: "L'ombre descend de nos montagnes, / L'azur du ciel va se ternir. / Le bruit se tait dans nos campagnes. / En paix bientôt tout va dormir..." 
(46 f; französische Erstschrift, 2007)

© 2009 Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

 

 

Alle Texte sind Ausdruck meines Nicht-Gelingens“

11. August 2009 | 19:01 | | BERNHARD FLIEHER
Nachhall auf ein Früher, das nur Wehmut auslöst: Schriftsteller Peter Handke im SN-Interview über sein aktuelles Stück „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“, über „seinen“ Sänger Van Morrison, eine offene Welt im Rhythmus der Popmusik und die Nichtexistenz irgendeiner Idylle.
Peter Handke gab den SN ein exklusives Interview. Bild: SN/APA

Peter Handke gab den SN ein exklusives Interview. Bild: SN/APA

BERNHARD FLIEHER
Kirchenwirt in Maria Plain. Gastgarten. Sommerhitze. „Wo haben Sie eine Heimat?“, sagt Peter Handke, 66 Jahre alt, seit den 1960er-Jahren unter den bedeutendsten Schriftstellern deutscher Sprache. „Na ja, ich lebe da unten in der Stadt. Bin aber nicht von hier.“ – „Na sehen Sie: Keine Heimat. Es gibt keine Heimat.“ Dazu ein Glas Weißwein, und Handke reicht ein Stück Backhendl über den Tisch. „Nehmen Sie’s. Bitte. Ich kann nicht mehr.“

Das also ist er, der scheue Dichter, von dem alle so tun, als wäre er unerreichbar. Im Schatten einen Tisch weiter: das Interview. Handke ist in der Stadt, wo er jahrelang gelebt hat, weil bei den Salzburger Festspielen sein Text „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ aufgeführt wird. Ein Echo auf Becketts „Das letzte Band“ ist der Text (siehe Premierenkritik rechts).

 

SN: Warum haben Sie dieses Echo auf Samuel Becketts „Das letzte Band“ verfasst?
Handke: Ja, warum . . . Auf „warum“ kann man oft nicht antworten. Das wird man spüren. Das tut dem gut, dem Beckett-Stück. Das versäumte Leben, das da erscheint und das doch nicht versäumte Leben, das der alte Krapp gelebt hat. Das tut gut, dass da ein Licht, ein anderes Licht dazukommt.

SN: Im Programmheft sprechen Sie in einem Text der Literaturwissenschafterin Elisabeth Schwagerle davon, dass Sie sich immer wieder vorgenommen haben, alles schwarz zu sehen. Und kaum, dass das Schreiben beginnt, kommen Ihnen diese Schwarzbilder abhanden. Nun hellen Sie auch den Beckett auf. Ein Scheitern also?
Handke: Alle meine Texte sind Ausdruck meines Nicht-Gelingens. Alle. Eine sehr fragwürdige Situation ist das, und natürlich gewagt, auf Weltliteratur, auf ein großes Stück zu antworten.

SN: Klingt nach Ehrfurcht.
Handke:
Ehrfurcht nicht. Das ist das einzige Stück von Beckett, das ich ganz und gar vollkommen find’.

Und es ist etwas anderes noch dabei, was ja in meiner Antwort mitspielt: Es ist immer noch ein Hintersinn, eine Allegorie von Existenz drin.

SN: Wenn Beckett sich in dem Text etwa auf Theodor Fontane bezieht, beziehen Sie sich auf Neil Young.
Handke: Haben Sie das gemerkt?

SN: In dieser Situation, eine Frau am Ende, kann – wenn sie „Helpless Helpless“ sagt – nur der Song von Neil Young gemeint sein aus dem Jahr 1970. Wie sehr hallt die Musik dieser Zeit in Ihnen nach?
Handke: Natürlich ist das so. Ob ich’s immer noch höre? Ich hör’ es nur, wenn ich von fern zufällig wo vorbeikomme. Und wenn man dann ein paar Takte von diesen Rhythmen mitkriegt, von etwas, das einem so viel bedeutet, dann würd’ ich das Gefühl noch einmal wiederholen. Das ist, glaub’ ich, aber eine falsche Nostalgie.

SN: Der Song „Helpless“ ist wohl einer der zärtlichsten Ausdrücke von Hilflosigkeit in der Popmusik.

: Handke: Ja, ja. Sie sagen das . . . Schön. Ja, das ist Zärtlichkeit, von einer Zartheit ist das, eine Zartheit wird da zur Zärtlichkeit.

SN: Der Song ist ein Resultat von Woodstock, wo Crosby, Stills, Nash and Young auftauchen in der sogenannten Goldenen Ära der Popmusik. Vieles in Ihrem Werk ist voller Zitate und Anspielungen auf Helden dieser Zeit. In „Bis dass der Tag euch scheidet . . .“ heißt es: „Ich höre nicht die Spulen von gestern an. Reagiere nicht auf meine Stimme vor Jahrzehnten.“ Wie ist es mit der Musik?
Handke: Es war eine große Zeit, für mich hat es das, diese drei, vier Jahre, danach nimmer gegeben. Ich mach’ da keinen Unterschied zwischen Bea tles und Stones, Yardbirds, Small Faces, The Who – ja sogar die Hollies oder Hermans Hermits! „No Milk Today“ war eines der für mich schönsten Lieder. Das waren ein paar Jahre, da stand die Welt offen durch diese Lieder. Und die Welt ist immer noch offen, aber sie wird halt nicht mehr benutzt, diese Offenheit. Ohne all dem Rhythmus, dem Klang – wer weiß, was aus mir geworden wäre, ich hab ja alle Singles gekauft damals.

SN: Und die spielen Sie noch?
Handke: Nein, meine älteste Tochter hat die, glaub ich, immer noch. Bis Creedence Clearwater Revival – und dann bin ich von der Szene verschwunden.

SN: Aber wieso eigentlich?

Handke: Sie beschuldigen mich!

SN: Nein. Es lässt sich aber doch vieles in Ihrem Werk bis heute mit dem Rhythmus, mit Musik vergleichen. Für mich wirkt das oft wie die Arbeiten des irischen Sängers Van Morrison, wenn Sie . . .
Handke: Ja. Van Morrison. Egal welcher, der Politische, der Stille. . . Dann ist er auch auf den Funk gekommen, den Blues.

Vielleicht kommt er auch noch einmal auf die Poesie, die einsame Poesie.
SN: Van Morrison, so schrieb Popjournalist Lester Bangs, schaffe auf kleinstem Raum wie „besessen jede Menge Information“.

Und doch scheint es darauf nicht anzukommen. Im Grund stellt Van Morrison doch Gefühl und Rhythmus über das Wort, das „Wie“ über das „Was“.
Handke: Aber was er sagt, wird doch erst intensiv, wie er es macht. Er hat ein großes Gefühl – und dann werden „Was“ und „Wie“ doch eines.
SN: Ja, wenn man es kann . . .
Handke: Wenn man ein großes Gefühl hat, dann kann man alles. Wie sagt der Kafka einmal mit lauter Scheinheiligkeit? Er muss ein Jahr in sich suchen, bis er eine wahre Empfindung in sich spürt. Aber er hat das natürlich übertrieben. Aber wenn jemand ein wahres Gefühl . . . das wird dann Form. Oder auch nicht. Und dann wird der Mensch unglücklich. Ein großes Lied, das ist etwas Unglaubliches, etwas sehr Seltenes. Das Ideal der Menschheit, das ist ein großes Lied.

SN: Sind Sie neidisch auf Musiker?
Handke: Bin ich. Ja, bin ich. Manchmal. Aber schön neidisch! Diesen Neid hab’ ich gern. Ein großes Lied . . . naja, ein großes Buch ist auch etwas, auch das ergreift einen. Aber Buch, Lied . . . Elvis, Buddy Holly, Dostojewski, Beatles, Stendhal, mittelalterliche Epen – alles gehört zusammen. Ich hätt’ nie ein Lied schreiben können.

Ich hab ja Singen gehasst in der Schule, das Singen meiner Mutter. Bei Elvis hab ich mich ja geschämt, dass ich das gemocht habe. Aber ab den Beatles hab ich aufgehört mich zu schämen. Da hab ich gedacht: Das ist es!

SN: Dass alles zusammengehört, wie Sie sagen, ist wohl ein Resultat dieser Tage in den 60er-Jahren.
Handke: Ja. Endlich war mal dieser Unterschied nicht mehr da. Das ist für immer vorbei. Dieser blöde Ausdruck von E- und U-Musik. Alles, was aus der Tiefe kommt, auch wenn es zugleich wieder oberflächlich wird, wie Pop, hat Schönheit. Das ist alles unsterblich.

SN: Wünschten Sie sich, manchmal etwas oberflächlicher wahrgenommen zu werden?

Handke. Ja, Sie haben recht. Ich würd’ mir wünschen, dass einige meiner Stücke als Boulevard stücke wahrgenommen werden.

SN: Passiert aber nicht. Vielleicht auch, weil Sie ja so ein Art Heiligkeit umgibt, der Dichter jenseits von jedem, der im Wald um Paris Schwammerl sucht, sich manchmal provokant zu Wort meldet. Das ist doch nicht schön, nur so – als Schwieriger – wahrgenommen zu werden.
Handke: Natürlich ist es ein Dilemma heutzutage für einen, der ernsthaft Literatur schreibt, Träume formuliert, vielleicht wirke ich da manchmal nicht so ernsthaft, sondern etwas flapsig, aber die Frage ist tatsächlich immer schwieriger zu beantworten: Wo habe ich meinen Platz als Schreiber? Es ist eine schwierige Situation, ein Dilemma, das nie größer war als in dieser Zeit.

SN: Woran liegt das?
Handke: Wir werden immer in ein bisschen ein seltsames Licht gerückt. Und das ist ja auch normal. Aber die meisten Schriftsteller und Schreiber sind ja längst unglaublich tüchtige Bankiers und Produzenten und Regisseure und auch die Conferenciers ihrer selbst. Ich hab’ das schon auch zwischendurch ein paar Mal versucht zu machen, Aber ich hab’ bemerkt: Ich bin da nicht gut darin.


SN: Warum?
Handke: Ich bin als öffentlicher Mensch einfach nicht gut. Und das ist auch ganz richtig so. Heute gehen die Öffentlichkeit und der Schriftsteller nicht mehr gut zusammen. Da spielen sicher einige sehr gut – so wie der Herr Kehlmann das macht. Der ist ja fast dafür geboren, aus dem Mutterleib geschlüpft und war schon ein kleiner Showman. Warum auch nicht?! Für mich ist das nichts.

SN: Was ist etwas für Sie?
Handke: Für mich ist die Sprache, der Umgang damit etwas anderes, etwas Gewaltiges, etwas das nicht selbstverständlich ist – wie ein gutes Lied von Van Morrison oder von Dylan, oder ein gutes Stück Prosa, oder zwei, drei Repliken in einem Stück. Da erscheint das Leben. Drei, vier Sätze, und man ist nicht nur getröstet, sondern auch gekräftigt.

SN: Merken Sie das, wenn Sie schreiben?
Handke: Vorher merk ich’s, bevor ich schreibe. Und dann schreib ich’s halt auf.
SN: Das klingt ja einfach.
Handke: Naja. Kommen Sie, jetzt lassen wir’s, oder? Trinken Sie noch einen Wein.

SN: Nur das noch: Im Text „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ kommt eine Autobahnstation vor, sonst gibt’s keine Orte. In solchen Zwischenräumen, Nichtorten, halten sie sich da am liebsten auf?

Handke: Ich sage dazu immer Schwellenräume, Schwellenbereiche, wenn man in einem Übergang ist von einem Bereich zum anderen, wo man spürt, wie die Welt vielleicht gegliedert sein könnte oder gegliedert ist. Ja, Grenzen? Wo sind die Grenzen? Da entstehen viele innere Grenzen, die sind nicht so spannend, die inneren Grenzen der Menschen. Aber mir kommt vor, es gibt viel mehr innere Grenzen, als es je gegeben hat. Schauen sie, das ist Europa.

SN: In dem Text „Am Felsfenster morgen“ schreiben Sie mit Blick auf Salzburg, auf Dauer könne Ihnen ein Ort nur etwas bedeuten, wenn Sie sich auf Dauer von ihm entfernten. Nun leben Sie schon seit fast zwei Jahrzehnten südwestlich von Paris. Drängt es Sie nicht weg?
Handke: Nein es drängt mich nicht weg. Ich fühle mich verantwortlich für den Garten. Da kann man nicht weg – wenn man Besitzer ist, ist man schon ein halbes Arschloch. Aber ich hab das ja auch gerne, den Garten und . . .


SN: Das klingt doch nach Idylle.
Handke: Es ist keine Idylle. Es gibt keine Idyllen in dieser Welt. Nirgendwo. Ein Idylle ist ein Gefühl von Menschen, das ist alles Täuschung.

 

SN: Und man kann sich auch keine Idylle schaffen – so mit Haus und Garten?
Handke: Nein. Nie hat’s Idylle gegeben. Nie. Es gibt vielleicht Atemräume für einen Moment. Und es ist vielleicht ein Vorteil, einen Garten zu haben, um dort lesen zu können. Aber es hat nichts mit Idylle zu tun. Der Garten kann Ort es größten Dramas sein oder des schönsten Dramas. Vielleicht gibt’s solche Momente, wenn der Wind durch die Kastanien geht. Aber Idylle ist das nicht. Vielleicht ein Aufatmen und dann denkt man: Jetzt ist jetzt. Das ist ja eine Gabe, das sagen zu können.


SN: Das klingt nach einem Grundprinzip der Rockmusik: Immer genau hier, immer genau jetzt passiert, was wichtig ist.
Handke: Aber bei mir ist das vorbei. Ich kann nicht mehr sagen: Jetzt ist jetzt. Ich spür’ das nicht.

Ich krieg’ sofort eine Wehmut, weil ich weiß, dass es gar nicht wahr ist, also nicht mehr wahr ist. Aber ich wünsch’ allen, die jünger sind, dass sie das sagen können, dieses: „Jetzt ist jetzt“.


SN: Das ist also eine Altersfrage?
Handke: Ja, weil man nicht mehr glaubt, das halten zu können. Früher glaubt man; Jetzt! Und sagt sich: Merk’ dir diesen Moment, diesen Augenblick.

Das war dann aber auch schon vorbei, aber es hat nachgewirkt und Kraft geben. Und jetzt . . . jetzt hab ich keine Kraft mehr.

© SN/SW

 

 

Sind Sie mit der Inszenierung Ihres jüngsten Stückes zufrieden?

PETER HANDKE: "Zufrieden" gehört nicht zu meinem Wortschatz, aber ich war relativ erleichtert. Ich fand es schön, dass die Frau, die ich ersonnen habe, nicht nur aus Sprache besteht, sondern dass die Sprache auch eine Gestalt erzeugt - den Menschen.

Ist "Storm Still", Ihr neues Werk über den Widerstand in Kärnten, fertig? Wo soll die Uraufführung stattfinden?

HANDKE: Es gibt es seit über sechs Monaten, ich muss es nur etwas lichten, wie man ein Gebüsch lichtet. Aber ich habe keine Vorstellung, wo und wie das jetzt weiter geht. Aber es ist ja kein aktuelles Stück, sondern ein Stück, das Dauerprobleme erzählt. Das Stück zeigt ewige Konflikte, Konflikte, die mit dem Zusammenleben von Menschen verbunden sind.

Könnten Sie sich Johann Kresnik als Regisseur vorstellen?

HANDKE: Ich kenne Herrn Kresnik nicht und weiß nicht viel über ihn. Früher, als ich noch Zeitungen gelesen habe, habe ich viel über ihn gelesen. Aber ich lese kaum noch Zeitungen, außer wenn ich in Kärnten bin, dann lese ich natürlich pflichtbewusst Ihre Kleine Zeitung. Nein, mit Kresnik kann ich mir die Inszenierung nicht vorstellen.

Kann Literatur gegen den Zeitgeist antreten?

HANDKE: Ist mir total egal. Ich habe nie im Leben gegen etwas, sondern immer für etwas geschrieben. Ich schreibe höchstens gegen mich, wie Henrik Ibsen gesagt hat, ich halte Gericht über mich selber. Natürlich schreibe ich für die Leute. Ich kann mir ein Publikum nicht vorstellen, sondern immer nur einzelne Leute.

Ist Kärnten wirklich anders?

HANDKE: Es gibt ein Kärnten, das Leute wie Kiki Kogelnik, Christine Lavant, Peter Turrini, Gustav Janus und Florjan Lipus verkörpern. Das andere Kärnten ist das bestimmende und wird das ewig bleiben. In einem Jörg Haider-Museum in Kärnten wird Schund herumstehen, den aber jeder meiden kann. Solange man Schulkinder nicht verpflichtet, hinzugehen.

Sie sprechen oft von Unerreichbarkeit. Was ist für Sie unerreichbar?

HANDKE: Eine komplizierte Frage. Man könnte auch fragen: Was ist erreichbar? Dass man halbwegs glorreich durchs Leben kommt. Dass dieser und jener, der das liest, auch etwas davon hat, sich freut und bestärkt fühlt. Das kann man erreichen. Aber weil ich kein E-Mail habe, bekomme ich kaum Rückmeldungen. Nach dem Motto des Romans von Gabriel García Márquez "Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt". Der Schriftsteller Peter Handke hat niemand, der ihm schreibt. Das ist auch richtig so. Wie hat Goethe gesagt: Die höchste Kultur, die ein Mensch sich geben kann, ist, dass niemand nach ihm fragt. Auf ewigen Ruhm war ich nie aus, auf Tagesruhm auch nicht. Irgendwas dazwischen. Ein Schriftsteller, der etwas taugt, ist eine Zwischenexistenz.

Ihre Neudichtung der "Helena" von Euripides soll 2010 am Wiener Burgtheater uraufgeführt werden. Luc Bondy soll inszenieren. Verraten Sie uns etwas über das Stück?

HANDKE: Es ist keine Nachdichtung, sondern eine Übersetzung. Auf Anregung des großen Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler. Euripides deswegen, weil er ein großer Psychologe war, der immer alles erklärt hat. Jetzt, wo ich das Stück übertrage, finde ich die Psychologie nicht mehr so wichtig. Die zentrale Frage lautet: Ist die Frau, die man in den Händen hält oder die einen in den Armen hält, wirklich die, für die man sie hält. Die Geschichte ist die, dass die wahre Helena nicht nach Troja gegangen ist, sondern von der eifersüchtigen Hera nach Ägypten geführt wurde und dort unversehrt und treu 17 Jahre verbracht hat. Menelaos, ihr Gatte, der glaubt, dass er seine Helena wieder heimführt, findet noch eine Helena und ist total verwirrt. Das ist die schönste Stelle des Stücks. Es ist ein Spiegelstück. Man weiß nicht, wer der Mensch ist, mit dem man es zu tun hat. Ich bin aber noch nicht fertig damit und weiß auch nicht, ob es am Burgtheater kommt.

Sie schreiben nach wie vor mit Bleistift. Wenn man Ihnen den Bleistift wegnehmen würde?

HANDKE: Das wäre schlimm. Dann müsste mir jemand Bleistifte schicken, um mich zu retten.

Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

HANDKE: Jeder Trottel von Schriftsteller hat zahlreiche Preise gewonnen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass man Ihnen zu Ehren einen Gedenkstein aufstellt oder ein Museum eröffnet?

HANDKE: Doch. Aber es darf kein Stein sein, sondern muss ausschauen wie ein Ameisenhaufen und muss lebendig sein und nach Weihrauch und Harz riechen.

Sie haben sich mit 12 im Gymnasium Tanzenberg, das primär zur Heranbildung von Priesternachwuchs diente, angemeldet. Warum sind Sie nicht Priester geworden?

HANDKE: Meine Mutter hat mich angemeldet. Weder sie noch ich haben auf einen Priesterberuf gehofft, sehr wohl aber der Pfarrer meiner Heimatgemeinde. Es war die einzige Möglichkeit für Landkinder, zu einer Ausbildung zu kommen. Eventuell war im Hinterkopf schon die Möglichkeit, dass vielleicht einmal der Heilige Geist zu einem spricht. Aber im Sinne eines Priestertums hat der Heilige Geist nie mit mir gesprochen.

"Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran, mit 66 Jahren da kommt man erst in Schuss" - identifizieren Sie sich mit diesem Lied von Udo Jürgens?

HANDKE: Das ist total gelogen. Udo Jürgens muss wohl so singen, damit es ein Lied wird. Lieder müssen und dürfen lügen.

Werden Sie in Pension gehen, mit dem Schreiben aufhören?

HANDKE: Ich habe schon öfters aufgehört und fange immer wieder an. Das ist ein schöner Beruf, da kann man nicht in Pension gehen. Der hält einen am Leben.

Sie verbringen den Kurzurlaub mit Tochter Amina, die als Künstlerin in Wien arbeitet. Soll sie das Land ihrer Jugend kennen lernen?

HANDKE: Sie kennt das Land, sie war immer wieder da. Ich habe ihr nichts zu zeigen.

Welche Beziehung haben Sie zu Ihren beiden Töchtern?

HANDKE: Ich bin zwischendurch immer wieder froh, wenn ich allein bin. 

 

 

 

Grabesstimme

Peter Handkes Monolog „Bis daß der Tod euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ ist eine Herausforderung für Experten

Von Stefan CernohubyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Cernohuby

 Besprochene Bücher / Literaturhinweise

So manches Mal denkt man sich beim Lesen von Klassikern oder dem Verfolgen von Theaterstücken, dass einige Charaktere vielleicht mehr Beachtung hätten finden können oder dass Ihre eigene Sichtweise durchaus interessant für den Leser hätte sein können. Ist man dann noch ein bekannter Künstler und Schriftsteller, wird kaum jemand laut aufschreien, wenn man eine Eingebung hat, welche eine solche Erzählung zur Folge hat. Peter Handke hat mit „Bis daß der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ einen Monolog verfasst, der sich mit dem Stück „Das letzte Band“ von Samuel Beckett auseinandersetzt.

Der Monolog, der quasi aus dem Grab erklingt, stammt von einer Frau – Krapps Frau? Sie beschreibt sich selbst als Person, für die keine Spitz- oder Künstlernamen mehr nötig sind. Denn nicht er präsentiert die Geschichte seines Daseins, sondern sie. Sie, die Frau neben ihm. Rücksichtslos und ungeschönt stellt s

 

ie Verhaltensweisen von Krapp zur Diskussion, seine Entwicklung als Individuum und seine Selbstdarstellung im Leben. So kommt sie schließlich auch auf die Frage des Lichts zu sprechen. Warum ist es nicht der Tod, der scheidet, sondern der Tag? Warum ist es das Licht, das so bedeutsam für die Darstellung im Zentrum einer Geschichte ist? Eine Frage, die Peter Handke zumindest anhand der Charaktere aus Becketts Stück erläutert – und doch hat er noch andere Hintergedanken.

Der Monolog, der insgesamt knapp 21 Seiten hat, ist ursprünglich – vergleichbar mit Becketts Schaffen – auf Französisch verfasst worden. In dem bei Suhrkamp erschienenen Buch sind sowohl die ursprüngliche französische Fassung aus dem Jahr 2007, als auch die übersetzte Version aus dem Jahr 2008 enthalten. Er selbst bezeichnet das Werk, seinen eigenen Monolog, als Beispiel. Als Beispiel dafür, dass nach Beckett eigentlich keine eigenen Theaterstücke mehr entstanden sind, sondern nur noch Sekundärwerke. Zugleich will er weitere Reduktion unmöglich machen und Echos präsentieren. Und „Echo“ bezeichnet ja im Griechischen über verschiedene Gedankensprünge die Stimme einer Frau. So obliegt es nun dem Leser, die Frage zu beantworten, ob Handke mit seinen Vorsätzen erfolgreich war und ob tatsächlich nur noch Stücke in Anlehnung an bereits existente entstehen? Keine einfache Aufgabe. Selbst wenn der Leser, der sich mit dem Werk auseinandersetzt, durch Zufall tatsächlich mit Becketts „Das letzte Band“ (Original „Krapp’s last Tape“) vertraut ist, müsste seine Kenntnis der Materie mehr als fundiert sein. Doch wer würde sich dann so weit aus dem Fenster lehnen und eine solche Frage mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten?

Zumindest nicht der Verfasser dieser Rezension, der sich maximal auf ein unbestimmtes „Vielleicht“ festlegen möchte. Ob sich der Kauf der nicht ganz preisgünstigen Lektüre lohnt, muss man ebenfalls mit zweierlei Maß messen. Ist man Experte für Theaterstücke, ihre Autoren, die Kunstlandschaft und die aktuelle Situation der Inszenierungen, mag „Bis daß der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ sicherlich interessant sein. Für jemanden, der sich mit den Themen nur am Rande oder sogar überhaupt nicht auseinandersetzt und überdies Beckett nicht kennt, ist dieses Buch einfach nur überteuert und sicherlich keinen Kauf wert.

Peter Handke wirft in „Bis daß der Tag euch scheidet“ Fragen für Experten auf. Fragen, die aber auch nur Experten für Theater, Literatur und die Kunstszene im Allgemeinen diskutieren können – und selbst diese hätten vermutlich Probleme, sie zu beantworten. Daher kann das Buch nur einem sehr eingeschränkten Personenkreis empfohlen werden.



Peter Handke

Bis daß der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts.
Ein Monolog. 
Deutsche Version (2008) und Französische Erstschrift (2007).
Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009.
52 S.; brosch.; EUR 15,30 (A).
ISBN 978-3-518-42096-6.

Samuel Becketts Letztes Band, sagt Handke, sei "de[r] Endpunkt oder die Endstation des Theaters", "die vollkommene Reduktion". Das letzte Band ist in der Tat die vollkommene Reduktion: ein Einakter, ein Ein-Mann-Stück, ein einziger Schauplatz, der Ersatz von Handlung durch Reminiszenz.

Peter Handke ist wie Beckett ein Meister der "Sprechstücke", wie er bereits 1965 mit der Publikumsbeschimpfung bewiesen hat. Bis daß der Tag euch scheidet führt die Reduktion von Theater einen Schritt weiter: während in der Publikumsbeschimpfung vier Sprecher zu Wort kommen, gibt es nunmehr eine einzige Sprecherin, und während die Publikumsbeschimpfung an ein Publikum gerichtet ist, redet die Sprecherin in Handkes neuem Stück mit dem aus Stein gehauenen Mann zu ihrer Seite, ohne ihn jedoch anzusehen. "Kann es sein", schreibt Handke im Nachwort, "daß nach Beckett nur noch unsere sekundären Stücke gekommen sind, wie zum Beispiel, als Beispiel eben Bis daß der Tage euch scheidet? Keine Reduktion mehr möglich, kein Null-Raum mehr möglich nur noch Spuren der Verirrten [...]?"

Handke nennt Bis daß der Tag euch scheidet "ein sehr kleines Drama", ein "Echo" auf Becketts Letztes Band. In der griechischen Mythologie ist Echo eine Oreade, eine Bergnymphe, die gern ihre eigene Stimme hört. Sie pflegt Zeus' Frau Hera mit Erzählungen zu unterhalten, während der Gott sich mit den anderen Nymphen vergnügt. Als Hera Echos Ablenkungsmanöver durchschaut, beraubt sie diese der Sprache, von diesem Zeitpunkt an kann die Oreade nur noch die Worte anderer wiederholen. Als sie sich in Narziss verliebt, entpuppt sich die Möglichkeit von Kommunikation als Illusion; ihr wird das Herz gebrochen.

Handkes Drama gibt Echo ihre Stimme wieder, doch die Worte seiner Sprecherin, der "Verirrten", wie sie im Nachwort heißt, verhallen ungehört – ungehört zumindest von dem, an den sie gerichtet sind.
Die Rahmenerzählung beginnt mit der Beschreibung zweier steinerner Statuen, Mann und Frau, die, lebensgroß, jeweils in einer eigenen Nische stehen. Der Betrachter fühlt sich an ein Grabmal römischer Eheleute erinnert, wobei ihm ein entscheidender Unterschied zwischen den beiden Skulpturen auffällt. Der steinerne Mann erscheint ihm "tot und hinüber, wie man nur hinüber aussehen kann", die Frau hingegen "als das blühende Leben". Dem Mann hat ein Passant "Bruchstücke wie von einem Tonband" um die Stirn gewickelt – es handelt sich, scheints, um eine Statue jenes Krapp, der in Becketts 
Letztem Band an seinem neunundsechzigsten Geburtstag seinen alten Tonband-Tagebüchern lauscht.

Während der steinerne Mann "ganz tot" ist, schlägt die Frau an seiner Seite plötzlich die Augen auf ("oder ist das weiterhin eine Halluzination?") und beginnt zu sprechen. Sie ist, wie sie uns auf der zweiten Seite ihres Monologs verrät, "die Frau neben dir in dem beinah bewegungslosen, ruderlosen Boot mitten im Schilf des namenlosen Sees oder Weihers unter dem sommerlichen Sternenhimmel." Auch die Frau im Boot kennen wir aus Becketts Stück. Die Tonbandaufzeichnungen des neununddreißigjährigen Krapp beschreiben einen romantischen Augenblick in einem Kahn. Beckett selbst soll zu Pierre Chabert gesagt haben: "I thought of writing a play on the opposite situation with Mrs. Krapp, the girl in the punt, nagging away behind [Krapp] [...]." Gleich, ob Beckett ernsthaft überlegte, über "Mrs Krapp" zu schreiben, Handke greift die Idee auf. "Mein Spiel jetzt", kündigt seine Verirrte an, "Dein Spiel ist gespielt, Mister Krapp, Monsieur Krapp, Herr Krapp." Die "Verirrte" macht sich über Krapps Tonbänder lustig, über seine Kleidung und über die Bananen, die Beckett ihn essen lässt. Sie spricht, anders als die Echo der Mythologie, ausdrücklich "in meiner eigenen Sprache, der Sprache meiner Kindheit und meiner Sinne."

Sprechen und Schweigen sind das Leitmotiv in ihrem Monolog: "Mit deiner Art Schweigen wolltest du bestimmen über mich, wolltest du mir dein Gesetz aufzwingen, ein despotisches Gesetz, gegen das es keine Widerrede gab." Echo, die nur wiederholen kann, was andere sagen, kann nicht widersprechen, solange ihr Gegenüber schweigt. Wenn Krapp aber spricht – nicht zu ihr, doch auf seinen Tonbändern –, hält die Verirrte ihm vor, "warst du ständig die erste Person, Wort für Wort, und Satz um Satz." Selbstverliebt wie Narziss wollte er ein Schöpfer sein, hat ständig auf Dinge "zeigen wollen": "All dein Zeigen hat von Anfang an bedeuten wollen", und hat darunter gelitten, "in einem fort bewusst zu sein." Und doch ist Krapp kein Schöpfer; wie Narziss ist er nicht einmal "fähig zu einem Zwiegespräch." Nur seinen Tonbändern vertraut Krapp an, was er denkt: "Mit den andern, mit dem andern: außerhalb deines Elements."

Im Sprechen und Schweigen des Krapp ist zugleich das Gegenteil mitgeschrieben – die Bedeutung jedes Wortes, jedes Auftretens scheint durch ihr Gegenteil definiert. Die Verirrte fühlt sich durch Krapps "formvollendeten Gram [...] angesteckt zu Heiterkeit". In seiner "Leichenbittermiene" erkennt sie "eine verschmitzte, herrlich sinnlose Lebenslust", und sein "Extraschwarzsehen war ein Kraftwerk, das ein Extralicht erzeugt hat."

Der Tod setzt der Beziehung der beiden kein Ende, denn bei Handke sind sie vereint als steinerne Figuren, im Grabmal eines römischen Ehepaars. "Bis daß der Tod uns scheidet?", fragt die Verirrte, "Nein, bis daß der Tag uns scheidet. Der Tag der uns scheidet: Nie wird er kommen." Er kann gar nicht kommen, denn während Becketts Krapp nur Monologe führen will, kann Handkes steinerner Mann nicht einmal mehr das – er ist "tot und hinüber". Die Verirrte, eine Echo, die ihre Stimme wiedererlangt hat, spricht, und wird, so scheint es erst, doch nicht gehört. Schließlich tritt sie zurück in ihre steinerne Nische und schläft wieder ein. Und doch: etwas scheint anders zu sein. "Ist es nun wieder eine Halluzination", fragt sich der Betrachter, der die Szene belauscht und beobachtet, "daß die männliche Figur zu ihrer Seite sich der Frau anzugleichen scheint, wenn auch kaum merklich? Oder ist das bloß eine Frage des Lichts (und des Schattens)?"

Kann Sprache noch (oder wieder) Bedeutung vermitteln? Ist ein Zwiegespräch möglich? "Die Worte [...]", sagt Handke über "Sprechstücke", "zeigen nicht auf die Welt als etwas außerhalb Liegendes, sondern auf die Welt in den Worten selbst." Doch wie diese Welt konstituiert ist, ist, wie Handke uns immer wieder vor Augen führt, letztlich auch "eine Frage des Lichts (und des Schattens)".


Krapps Echo

Lothar Struck zu Peter Handkes befreiendem Monolog
»Bis daß der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts«

Martin Held in Das letzte Band in der Inszenierung von Samuel Beckett 1959 am Schiller Theater Berlin: Wie er an diesem kleinen Tisch sitzt, wirr das Haar; unrasiert. Wie ungelenk und eilig er aus einer Schublade eine Banane zieht und diese im Gehen von unverständlichen Lauten begleitet ißt, die Schale fallen läßt, beinahe ausrutscht und dann noch eine Banane mit Genuß verspeist. Dann holt er irgendwann in seinen viel zu großen Schuhen ein sehr voluminöses, sehr alt aussehendes Buch (es sieht aus wie ein Foliant aus dem Mittelalter), dann mehrere Dosen und schließlich ein Tonbandgerät. Er spricht kratzend, grunzend und erst mit der Zeit wird sein Gemurmel artikulierter, als hätte er das Sprechen üben müssen.
Er sucht in dem Folianten »Schachtel drei – Spule fünf« (»Das kleine Luder«). Es klingt wie die Koordinaten eines versunkenen Schatzes. »Spuuuuule« wiederholt er lautmalerisch, freudig erregt. Endlich findet er das gesuchte Band. Er schlägt in dem Folianten nach: »Abschied von der [er blättert um] Liebe«. Es beginnt das Abspielen, Vor- und Zurückspulen, das Anhören der immer gleichen Stellen, das Vergewissern, das Verwerfen, das Lachen, das Kopfschütteln. Zwei Mal verläßt er den Platz, geht in einen Nebenraum und man hört, wie er trinkt. Der geneigte Kopf beim Lauschen des vor dreißig Jahren Gesagten (man vergißt solche Bilder lange nicht). Die Selbstbeschimpfung. Das bei aller Unbeholfenheit gekonnte Hantieren mit diesem Tonbandgerät. Der Versuch der Weiterführung des Tonbandtagebuchs. »Sei wieder auf dem Hügel…und lausche den Glocken. Sei wieder. Sei wieder.«
Und am Schluß dann dieser starre Blick, der ein bisschen geöffnete Mund. Gar kein Ende scheint diese Szene zu finden. Es sind drei Minuten. Wie intensiv Schweigen sein kann – und wie unheimlich. Krapp, dem gescheiterten Schriftsteller, ist das Leben erschienen, aber nicht als Verheißung oder Erfüllung, sondern als Hypothek und mit seinen Bändern wird ihm dies noch wahrer als es ohne diese wäre. Wie Erinnerung doch auch schmerzen kann – und Krapp ist der Schmerzensmann der Erinnerung und wirkt lächerlich UND tatsächlich auch ein bisschen tragisch, denn da war ja was - eine große Liebe; ein Augenblick auf einem Boot.

»Das letzte Band« ist ein kleines Stück, aber, wie Peter Handke schreibt, ein »großes« Drama. Er hat nun fünfzig Jahre später ein »Echo« darauf geschrieben: »Bis daß der Tag euch scheidet«, einen »Echo-Monolog, jetzt schwach und widersprüchlich, verzerrt, jetzt stark, verstärkt, vergrößert« (so Handke in seinem Nachwort). Ein Echo von einer Frau – der Frau, die mit einem Mann in einem Grabmal liegt und für diesen kurzen Monolog zum blühende[n] Leben kommt.
Der Monolog einer Frau – Fortsetzung, nein: Kontinuum der schillernden Frauenprotagonistinnen aus Peter Handkes Werk, von seiner Mutter in »Wunschloses Unglück« über die »linkshändige Frau« im gleichnamigen Buch über die visionäre Nova aus »Über die Dörfer«, der reisenden »Bankfrau« aus dem oppulenten Roman »Der Bildverlust«, dem Kind Lucie in der heiteren Märchenerzählung »Lucie im Wald mit den Dingsda«, der Sängerin in »Kali – Eine Vorwintergeschichte« (und auch wenn Frauen, wie in der »Abwesenheit«, scheinbar am Rande des Geschehens stehen, bekommen sie sehr oft eine besondere Bedeutung).     

Und nun dieses »Echo« der Frau, von der Krapp auf dem Band erzählt; der Frau neben dir in dem beinah bewegungslosen, ruderlosen Boot mitten im Schilf des namenlosen Sees oder Weihers unter dem sommerlichen Sternenhimmel.

Manchmal wird man an den Dialog des alten Ehepaars aus dem »Spiel vom Fragen« erinnert, den Frotzeleien und plötzlich aufbrechenden schwärenden Vorhaltungen, die dennoch voller Zuneigung sind. Hier heißt es an Krapp gerichtet: Mit deiner Art von Schweigen hast du verhindert, daß zwischen dir und mir das Schweigen herrschte (es gibt danach Schönes über das Schweigen) oder Du warst nicht fähig zu einem Zwiegespräch. Du warst nicht fähig zur Zweisamkeit… Zu zweit warst du falsch, und klangst du falsch. Nur allein hast du existiert.  

Das ist natürlich (natürlich?) viel heiterer als das düstere und dabei so ausdrucksvoll-intensive Krapp-Stück. Heiterer ist es, weil es trotz des fröhlichen Zorn[s] auch eine Liebeserklärung an Krapp ist: Bis daß der Tod uns scheidet? Nein, bis daß der Tag uns scheidet. Der Tag, der uns scheidet: Nie wird er kommen. Nie wird es in mir und zwischen uns auf solch eine Weise Tag werden. Und heiterer ist es auch, weil Krapps Lebensüberdruß und Verzweiflung das »Staunen über das Dasein« gegenübergestellt wird: »Welch Geheimnis! Welche Schönheit!« sagt Ingrid Bergman am Ende ihrer Geschichte auf dem Vulkan Stromboli - eine Szene die Handke schon einmal, im »Versuch über den geglückten Tag«, herbeibeschworen hatte.

Liest man beide Stücke hintereinander wird der wuchtige und schwere Beckett-spezifische Existentialismus vom eher spielerisch angelegten Monolog der Frau gemildert. Die Frau als »Untote« hat mehr Lebensfreude als Krapp, der beim Abhören des Bandes verwundert feststellt: »…kaum zu glauben, daß ich je so blöde war« und sich daran erinnert, wie er im Park darauf »brannte…zu enden«. Handkes Hommage an Beckett ist nicht nur Ergänzung, sondern auch sanfte Korrektur. In den Diagnosen stimmen beide sicherlich überein – in den Therapien nicht. Fast scheint es, daß Krapp durch die Ausführungen der Frau zum Mit-Menschen »vervollständigt« wird. Das ist in gewissem Maße ein Trost. Es könnte aber sein, dass gerade deshalb die Ausweglosigkeit von Krapps Leben noch stärker hervorscheint. Denn plötzlich ist er nicht mehr der eigenwillige Kauz, von dem man sich so bequem distanzieren kann. Vielleicht sind wir morgen auch Krapp – statt Tonband dann mit unserem PC. Und vor lauter Narzissmus stellen wir plötzlich fest, daß wir vergessen haben zu leben. Lothar Struck

Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

 

Das Berliner Ensemble zeigt eine französische Handke-Uraufführung

 

Dirk Pilz

 

«Nach Beckett kamen», schreibt Peter Handke, «nur unsere sekundären Stücke.» In seinem kurzen Programmhefttext denkt er dabei vor allem an Becketts Monolog «Das letzte Band», ein Stück, das er als die «notwendige, vollkommene Reduzierung des Theaters» begreift. Diese These wird kaum bestritten; und richtig ist sicher auch Handkes Selbsteinschätzung: Sein «sehr kleines», bisher nur auf Französisch erschienenes Drama «Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts» rechnet er zu ebenjener Gattung der sekundären Stücke. Denn es ist, wie er treffend anmerkt, «ein bald schwaches, widersprechendes, verstümmeltes, bald starkes, verstärktes, verherrlichtes Echo» auf «Das letzte Band». Eine schmale Randnotiz, kaum mehr als eine improvisierende Phantasie zu einzelnen Beckett-Motiven.

.

Ende letzten Jahres wurde dieses neueste Handke-Werk an der Comédie de Valence unter dem französischen Titel «Jusqu'à ce que le jour vous sépare ou Une question de lumière» uraufgeführt; eine deutsche Übersetzung erscheint im April. Bereits jetzt aber gastierte die Uraufführungsinszenierung von Christophe Perton am Berliner Ensemble. Es ist ein Abend vornehmer Zurückhaltung. In seinem ersten Teil gibt Jean-Quentin Châtelain vorgabengetreu den zermürbten alten Mann Krapp aus dem «Letzten Band». Mit ausgeprägtem Mundwinkelspiel und überdeutlicher Neigung zum Clownesken lauscht er seiner eigenen Stimme auf alten Tonbändern, schmatzt die Silben hervor und schlurft über die quadratisch ausgeleuchtete Bühne. Ein Gefangener seiner eigenen Vergangenheit.

Dann aber! Sturm kommt auf, aus dem Schnürboden rieselt Staub, und rechts tritt Sophie Semin in mildes Licht. Sie ist die Figur gewordene Krapp-Erinnerung an eine frühere Liebe, die Handkes Stück Figur werden lässt. «Dies ist jetzt mein Spiel.» Ein leise ironisches Spiel, mit der sie ihre eigene Deutung der gescheiterten Krapp-Liebe umkreist. Statt schlanker Musikalität herrscht hier mäandernde Geschwätzigkeit. Einiges erinnert an Handkes Stück «Spuren der Verirrten», viele Motive Becketts werden aus der Frauenperspektive gegengelesen. Dennoch kommen die bemühten Wort- und Bedeutungsspiele über eine dürre Behauptungsprosa nicht hinaus. Weil Semin aber, für die Handke sein kleines Drama geschrieben hat, nur wenige konzentrierte Gesten und Schritte braucht, um den Text ins Ätherische zu öffnen, schenkt dieser schmale Abend dem Zuschauer dennoch vereinzelte poetische Momente. 

 

 

Handkes weibliche Sicht

„Das letzte Band“ und „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“

© Die Berliner Literaturkritik, 11.08.09

Von Miriam Bandar

Da sitzt er, der einsame alte Mann. Hört ein altes Tonband von seinem Leben vor 30 Jahren, bedauert seine jugendliche Borniertheit, den Verlust seiner Liebe für ein erfolgloses Buch und vor allem sich selbst. Dann kommt sie und sagt dieser tragischen Figur endlich mal die Meinung. Gleich zwei Stücke feierten in dem anderthalbstündigen Theaterabend bei den Salzburger Festspielen am Sonntag (9.8.) Premiere: Zuerst zeigte Regisseur Jossi Wieler den Beckett-Männermonolog „Das letzte Band“. Darauf folgt als weibliche Antwort die deutschsprachige Erstaufführung von Peter Handkes „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“.

Sein Stück sei eher ein Echo als eine Antwort, schreibt Handke im Programmheft — er selbst saß im Sonntag nicht im Publikum. „Ein Echo, jetzt fern, im Raum und auch in der Zeit, jetzt ganz nah an Herrn Krapp, dem einsamen Held des Stücks von Samuel B.“ Das Publikum nahm die Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen mit freundlichem Applaus auf. Für die Darsteller gab es vereinzelte Buh-Rufe.

Ein von Neonlicht beschienener Schreibtisch, ein Tonbandgerät, einen Stuhl und eine Truhe mit Bändern — mehr hat der 69-Jährige Schriftsteller (André Jung) in seinem offenen Metallkasten nicht zur Verfügung (Bühne und Kostüme Anja Rabes). Das Hemd spannt über dem Bauch, die Energie ist dahin, er hält über das vor 30 Jahren aufgenommene Tonband Rückschau auf sein gescheitertes Leben. Damals hatte ihn ein Buchprojekt zum Verlassen seiner Liebe bewegt — wofür er heute nur noch ein Kopfschütteln übrig hat. Die Abhandlungen über das Buch spult er vor, die Schilderung eines Nachmittags im Boot mit der Frau hört er gleich mehrfach. Doch das Leben zurückspulen kann er nicht. Von den jedes Jahr zu seinem Geburtstag besprochenen Tonbändern nimmt er sich das letzte vor, bevor er am Schreibtisch zusammenbricht.

Dann kommt die junge Frau (Nina Kunzendorf) in korallenrotem Pulli, Hose und Turnschuhen auf die Bühne — eine Stimme aus dem Off hat sie zuvor von einer Steinstatue zum Leben erweckt und die Handlung ins Reich der Imagination versetzt. Bei Beckett nur reine Projektionsfläche der Fantasien des alten Herrn, kündigt sie nun an: „Mein Spiel jetzt.“ In einem atemlosen Monolog enttarnt sie gnadenlos die jahrzehntelange, in sich verharrende Selbstbespiegelung des verbitterten Beckett-Helden mit seinen Tonbändern. „Mein Platz war ausschließlich in deinen Sätzen.“ Sie mitten im Leben stehend, er schon immer voll Lebensfurcht, machohafter Borniertheit und nur auf sich bezogen: „So etwas wie eine Replik hast du nie erwartet.“ Am Ende lässt die Stimme sie wieder zu einer Statue an der Seite einer männlichen Figur erstarren — aber das Verhältnis beider zueinander hat sich verändert.

Regisseur Wieler inszenierte den Theaterabend sehr feinsinnig und ruhig. Schwarz-weiße Videoprojektionen im Hintergrund nehmen die fantastischen Brüche im Stück auf, da werden Steinarme zu echtem Fleisch und bewegen sich langsam, ein Damenfuß in Sandalette wippt in Großaufnahme oder jemand schmiert Brote.

Der Schriftsteller ist bei Wieler eher trauriger Clown als sterbender Macho-Tiger, etwa wenn er eine Banane schält, sie sich hochaufgerichtet vor den Schoß hält — um sie dann resigniert vor schwindender Potenz Stück für Stück aufzuessen und die Schale hinter eine Kiste zu werfen. Ein Drehen der Bühne offenbart später, dass sich dort schon ein ganzer Haufen von Bananenschalen befindet.

Auch Nina Kunzendorf kommt als Kontrast zum alten Mann nicht als übersprudelndes Vollweib, sondern mehr als ernste junge Dame mit strengem Zopf daher. Mit ihrem sehr langen Monolog hat sie etwas Probleme, die Spannung zu halten. Das mag am für das Theater schwierigen Handke-Text, aber auch an ihrer Bühnenpräsenz liegen. Mit dem Zusatz des weiblichen Blicks ist dem Schauspiel- und Regieteam des Abends aber dennoch eine gute und ausgewogene Weiterentwicklung des bekannten Beckett-Stückes gelungen.

Berichtigung: In der letzten Zeile des ersten Absatzes wurde der falsch geschriebene Titel des Handke-Textes korrgiert: „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ rpt „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ (nicht: „Bis das der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“).

 

 

Lebendiges Denken

Peter Handke ergänzt und erläutert Samuel Beckett

11.08.2009 Dr. Ulrich Fischer

Wer Peter Handkes neues Stück sieht, versteht Samuel Becketts absurden Klassiker "Das letzte Band" besser.

Peter Handke schreibt, sein neues Stück „Bis dass der Tag euch scheidet“ verhalte sich zu Samuel Becketts „Letztem Band“ wie ein Echo. Ein treffender Vergleich.

Gegensätze zieh’n sich an

In Samuel Becketts „Letztem Band“ steht ein Mann namens Krapp im Mittelpunkt, in Peter Handkes „Bis das der Tag euch scheidet“ eine Frau, die namenlos bleibt. Becketts Krapp ist wortkarg und grießgrämig, Handkes Protagonistin beredt und gut gelaunt. Becketts „Letztes Band“ ist Ausdruck eines radikalen, tief dunkel eingefärbten Pessimismus, Handke setzt dagegen einen lebensfrohen, heiter-hellen Optimismus.

Im letzten Band erinnert sich Krapp, der Protagonist. Er ist offenbar Schriftsteller und hat ein Tagebuch mit Hilfe von Tonbändern geführt. Er sucht sich jetzt Spulen heraus, um sie abzuhören. Krapp erinnert sich an einen bestimmten Moment. Er war mit ihr zusammen. Es war Sommer, sie fuhren in einem Boot, er lag auf ihr, das Boot schaukelte. Ein erotisches Bild…

… bei ihm eine Erinnerung an das für immer Vergangenen, ein Grund für tiefe Trauer– die schöne Zeit, sie kommt nicht mehr. Vor ihm liegen die Jahre, in der die Kräfte schwinden bis zur finalen Katastrophe. Krapp ist tief deprimiert.

Sie erinnert sich an den gleichen Moment. Ein Grund für immerwährendes Glück. Den Augenblick erfasst, eine Übereinstimmung zwischen ihr und ihm, der ganzen umgebenden Welt, dem Kahn, dem Fluss, dem sanften Schaukeln – viel mehr als ein Orgasmus, dessen Wirkung schnell verfliegt. Dieses Gefühl kann ihr niemand nehmen, die beglückende Erinnerung wird ihr in Zeiten nachlassender Kräfte die alte Energie zurückschenken.



Handke gegen Beckett 2:1

Wer hat nun Recht? Sie oder er? Die Alternative führt in die Irre: Die beiden gehören zueinander. Mann und Frau. Pessimismus und Optimismus. Das Helle und das Dunkle. Leben und Tod. Das Paar.

Eigentlich gewinnt in diesem Spiel Beckett ./. Handke Handke zwei zu eins. Beckett hat das Original geschrieben, Handke aber nicht nur das Echo, sondern auch das Band, das beide Stücke, beide Figuren, beide Grundhaltungen zu einem zusammenknüpft. Handke sagt nicht, sie oder er habe Recht, beide haben es, und zusammen sind sie mehr als zwei Einzelne, ein Paar.

Selbstkastration und Autokannibalismus

Jossi Wieler mindert in seiner Inszenierung den Eindruck, den Beckett systematisch im Text erweckt, Krapp sei ein Clown - sein Paar sind Leute von heute - keine Theaterfiguren. Das hat den Vorteil, dass das Stück auch für den Alltag bedeutsam ist, ein Stück gegen Griesgram und herabgezogene Mundwinkel. Ganz am Anfang, eine Art szenischer Ouverture, nimmt Wieler Partei für Handke, für die Frau und das Leben. Der Regisseur erfindet eine leicht obszöne und hochbedeutsame Szene: Krapp isst gern Bananen. Er schält eine und hält die Frucht zwischen die Beine. Sie erinnert deutlich an einen Phallus. Krapp bricht ein Stückchen ab - und als er sie zum Mund führt und kaut, wirkt es wie Selbstkastration, Autokannibalismus. Einer verzehrt seine Virilität, frisst seine eigene Potenz. Krapps Pessimismus wird gedeutet als selbstverschuldete perverse Lebensfeindlichkeit. - Aber auf dieser Höhe kann Wieler seine Inszenierung nicht halten, allzu oft werden gewichtige philosophische Standpunkte verschliffen.

Ein Plaidoyer für Dialektik

André Jung und Nina Kunzendorf spielen das Paar – der Gegensatz ist erheiternd und aufklärend in einem. Eine Harmonie ist ja ohne Streit gar nicht vorstellbar, man weiß erst, was man am Einklang hat, wenn der Missklang vorher ordentlich dissonant war – daraus entsteht eine Dynamik, die das Drama in Bewegung setzt. Tatsächlich wird in Jossi Wielers Doppelprojekt aus zwei Stücken ein einziges, Handke wird zum Teil Becketts, „Bis dass der Tag Euch scheidet“ erläutert, erklärt und vertieft „Das letzte Band“. Krapp und seine Geliebte verschmelzen – es gibt einen Moment, in dem die Frau als Verkörperung eines Gedankens von Krapp erscheint; der Widerspruch zum Pessimismus Krapps, die Negation seiner Philosophie in ihm selbst, die ihn weiterführt.

Trotz geglückter Augenblicke kann Wieler mit seiner Inszenierung nicht die Potentiale von Handkes neuem Stück ausschöpfen. Eine geglückte Aufführung könnte jeden mit der Gewissheit entlassen: Pessimisten haben ebenso gute Argumente wie Optimist(inn)en. Widersprüche bringen Bewegung ins Denken.

Peter Handkes „Bis dass der Tag euch scheidet“ ist ein Plaidoyer für die Dialektik als Form lebendigen Denkens.

Aufführungen am 11., 12. und 13. August im Landestheater Salzburg.

Kartentelefon: 0043 662 8045 500 – Internet: salzburgfestival.at

Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen – Premiere in M. am 30. Oktober 2009

 

 

 

 

 

 

Handke meets Beckett

Premiere "Das letzte Band" bei den Salzburger Festspielen

Von Christoph Leibold

Auf der Basis des Textes von Samuel Beckett erzählt Peter Handke in "Das letzte Band / Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts" von Erinnerungen an eine Liebesgeschichte auf Tonband.

Es ist alles da, was Becketts alter Krapp seit jeher braucht: ein altmodisches Tonband und auch eine schwere Kiste, aus der er jene berühmte Schachtel drei mit der Spule fünf hervorkramt, mit der er tief in seine eigene Vergangenheit eintaucht, als er noch ein junger Mann und Liebe noch möglich war. In Jossi Wielers präzise-dichter Inszenierung bei den Salzburger Festspielen gibt André Jung den Krapp als eigenbrötlerischen Umstandskramer mit melancholischen Zügen.

Wenn Jungs Krapp jener Aufnahme lauscht, die von einem intimen Moment der Zweisamkeit mit einer namenlosen Frau auf einem Ruderboot erzählt, klammert er sich an die Bandmaschine. Traumverloren streift eine Hand zärtlich über den Apparat. Nein, diesem Krapp glaubt man es nicht, wenn er sagt, er wünsche sich die Zeit von damals nicht zurück. Da trauert einer einer verpassten Lebenschance nach!

Und so bleibt André Jung denn auch auf der Bühne und hört aufmerksam und sichtlich deprimiert zu, als nach der Hälfte des Abends Nina Kunzendorf als jene Frau aus dem Ruderboot auftritt, der Peter Handke in seinem Echo-Monolog eine Stimme gegeben hat; und die vielleicht die Liebe von Krapps Leben hätte werden können.

Opposites attract, heißt es. Und tatsächlich ist Nina Kunzendorfs namenlose Frau schon rein äußerlich das glatte Gegenteil von André Jungs Krapp: er verwahrlost, in sich zusammengesunken, barfuß, mit zersaustem, schütterem Haar. Sie aufrecht, elegant, die lange Mähne sorgfältig zum Zopf gebunden. Ihr Monolog ließe sich durchaus als Abrechnung mit Krapp spielen. Doch nichts davon bei Nina Kunzendorf.

Beinahe lässig schlendert sie herein und zieht unaufgeregt ihre Bilanz, die der Krapps diametral entgegengesetzt scheint. Wo Krapp in die Vergangenheit blickt und sich damit der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit aussetzt, vergegenwärtigt sie das Gestern und macht es so unvergänglich: "Im Schilf dort, im Boot dort waren wir unsterblich, sind wir unsterblich." Diesen zentralen Satz in Handkes Monolog spricht Nina Kunzendorf ganz lakonisch. Frei von allem Kitsch behauptet sie so die Liebe als sinnstiftende Kraft in einer von Krapp als unsinnig angenommenen Existenz.

Spätestens hier wird klar: Handke lässt nicht nur seine Protagonistin auf Krapp antworten; sein Echo ist ein doppeltes: "Bis das der Tag euch scheidet" ist auch ein Reaktion des Dichters Peter Handke auf die Dramatiker-Ikone Samuel Beckett. Und was für eine! Erfreulicherweise fast ohne die sonst bei Handke üblichen artifiziellen Sprach-Pirouetten. Dafür hoch poetisch, fast romantisch im Kern und mit dem unbedingten Willen, Becketts absurder Welt Lebenssinn entgegenzustellen.

Dass der ausgerechnet in der Liebe zwischen zwei Menschen liegen könnte, ist zwar kein besonders neuer Gedanke. In einer Zeit aber, da Becketts Nihilismus fast schon Common Sense ist, wirkt Handkes altmodisches Bekenntnis mutig - und aberwitzigerweise moderner als Krapps Welt mitsamt ihren verstaubten Tonbändern.

 

 



Handkes "Bis dass der Tag euch scheidet"

Des Heiligen Buße

VON MARTIN LÜDKE

Unser aller Handke ist immer wieder für Überraschungen gut. Für Provokationen ebenso wie für kniefällige Demutsgesten. Er war der letzte Vertreter der klassischen Moderne und wurde, nach seiner "Langsamen Heimkehr" der erste ernst zu nehmende Gottsucher der Gegenwart. Jetzt will er in einem kleinen Monolog eine große Rechnung begleichen und nicht nur der Moderne ihren kritischen Stachel ziehen, sondern seinen eigenen Rück-Schritt ins Heilige einem gottlos gestorbenen Autor in die Schuhe schieben. Zu diesem Zweck vergreift er sich an Becketts "Letztem Band", das am 5. Oktober 1969 in Berlin aufgeführt wurde. Als eine Art Requiem der klassischen Moderne.

Handke verkleidet sich zunächst als kleiner Schüler des großen Meisters. Lehnt sich eng an sein Vorbild an. Beckett hatte, auch bei "Krapp", alle Deutungen verweigert und auf seinen Text verwiesen.

Anders Handke. In einer Grundsatzerklärung nennt Handke seinen Monolog weniger eine "Antwort auf Das letzte Band von Beckett? Eher ein Echo". Handke sieht die Zäsur, die Beckett gesetzt hat. "Kann es sein", fragt er deshalb, "dass nach Beckett nur noch unsere sekundären Stücke gekommen sind?" Könnte es auch sein, fragt er weiter, dass "keine Reduktion mehr möglich" ist, "kein Null-Raum" mehr? "Nur noch Spuren der Verirrten"?

Begründungen interessieren Handke nicht. Auch hier soll die Devise seiner Predigt "Über die Dörfer" gelten: "Glaubt mir, und haltet euch daran!" Das Ergebnis ist, flapsig gesagt, ein dicker Hund. Dieser Widerruf gleicht dem Adrian Leverkühns (im "Doktor Faustus"), der einst die Neunte Sinfonie zurücknehmen wollte.

"Was sehe ich da?" Schon die ersten Worte reißen einen Raum der Illusion auf. Eine "Art Halluzination"? Denn das, was aussieht wie "ein Grabmal für die römischen Ehepaare einstmals", zwei Figuren, aus dem Stein gehauen, eng nebeneinander, das täuscht, weil in dem "Gegensatz" zwischen Mann und Frau ein ganz anderer Gegensatz aufscheint, der von Leben und Tod.

Nur die Statue der Frau beginnt zu sprechen, ihren Monolog. Es ist ihr Spiel. Allein ihre Stimme. Sein Spiel ist ausgespielt. Krapp bleibt Statue, "tot und hinüber". Im Vergleich zu Beckett haben sich bei Handke die Verhältnisse umgekehrt. Im "Letzten Band" sitzt der alte Krapp, Bananen mampfend, vor einem Tonbandgerät, und hört sich, bruchstückhaft, an, was er selbst, dreißig Jahre zuvor, aufs Band gesprochen hatte.

Nörgelnd kommentiert er sich als "albernen Idioten", grübelt: "Was ist schon ein Jahr, heutzutage? Bitteres Wiederkäuen und steinharter Stuhl." Dann starrt er "bewegungslos vor sich hin. Das Band läuft weiter, in der Stille." Das Ganze endet - im Schweigen.

Handkes Frau dagegen sagt: "Was war, ist jetzt - der Sommer, das Wasser, das Boot, das Schilf, die Stille."

Sie erkennt den schmalen Raum, der ihr belassen ist: "Mein Platz war ausschließlich in deinen Sätzen, deinem "Boot", in deinem ,Schilf´". Erkennt sie sich damit als sein Geschöpf? Nein. "Etwas wie eine Replik von mir hast du nie erwartet. Ja, nicht einmal ein Echo." Stattdessen postuliert Handke: "Du der Hall, und ich der Nachhall." Kein Dialog, ebenso wenig wie bei Beckett. Die Stimme, die jetzt zu Krapp spricht, soll als "Nachhall" verstanden werden. Das heißt: Handke will uns erklären, wie wir die Moderne zu verstehen haben.

Becketts Werk endete im Schweigen. Damit war die literarische Moderne am Ende, ebenso wie die moderne Musik (John Cage), wie die Malerei (Lucio Fontana). Die Möglichkeiten der Reduktion erschöpft. Vorbei die Zeiten, als eine Kritik (der politischen Ökonomie) noch möglich war, seufzte seinerzeit die Kritische Theorie. Handke deutet jetzt diese Diagnose um.

Die Frau, die zu Krapp spricht, hat nämlich, wie sie sagt, "entdeckt, dass du selber gar nicht an jenes Schweigen glaubtest, jenes Schweigen so anders groß als das der unendlichen Räume, das nicht bloß Blaise Pascal so erschaudern lassen hat." Ihr Vorwurf: "du hattest kein Vertrauen in die stille Welt als der Weisheit letzter Schluss".

Dieser Vorwurf zielt über Krapp hinaus auf Beckett und auch über Beckett noch hinaus auf die kritische Grundhaltung der Moderne überhaupt, die nicht die Welt, so wie sie ist, anbeten wollte, sondern, im Gegenteil, verändern. Handke dagegen deutet das Schweigen nicht als Reaktion auf den Schrecken der Welt, sondern als demütiges Verstummen angesichts der Schönheit einer heiligen Schöpfung.

Bei ihm ist die klassische Moderne nicht am Ende, sondern am Ziel - vor dem Altar - angekommen. Nicht die postmoderne Devise "Alles ist möglich" gilt für ihn, sondern "Alles ist schön".

Abtreten zum Gebet!
 

 

 

 

http://www.press.uchicago.edu/presssite/metadata.epl?mode=synopsis&bookkey=10463909